Istebna in Schlesien, einer von Tinas Lieblingsorten. Foto: Tina
Istebna in Schlesien, einer von Tinas Lieblingsorten. Urheberin: Tina.

Istebna in Schlesien, einer von Tinas Lieblingsorten. Foto: Tina

„Polnische Perspektiven – Polskie Perspektywy“. Tina

Wie sieht der Alltag in Polen aus? Was arbeiten und essen die Menschen dort? Wohin fahren sie in Urlaub? Wovon träumt man in unserem Nachbarland? Diese und ähnliche Fragen stellen sich hierzulande bestimmt viele, zumal wir diesseits der Oder vergleichsweise wenig von unseren östlichen Nachbarn wissen. Anlass genug, eine Artikelreihe über „Polnische Perspektiven“ zu lancieren. Der Schreibaufruf zog viele interessierte Zuschriften nach sich. Nicht alle mündeten in einem ausgefüllten Kurzfragebogen. Den Start macht Tina, die mit ihren Antworten den geneigten deutschen Leserinnen und Lesern Polen ein wenig näher bringen möchte.

 

Vorname, Alter

Tina, 33

Wo und wie lebst Du?

Ich habe viele Jahre in einer deutschen Großstadt gelebt und gearbeitet. Es war ein sehr schönes Leben, weil ich Großstädte über alles liebe. Auf dem Lande konnte ich nicht einmal einen Tag aushalten. Die Gerüche, Insekten und die Entfernung von der „Zivilisation“ schrecken mich ab. In dieser Großstadt habe ich viele Freunde und Bekannte. Meine beste Freundin in Deutschland, die ursprünglich aus Łódź kommt, wohnt auch dort.

Aus privaten Gründen bin ich Anfang des Jahres nach Brandenburg umgezogen. Jetzt wohne ich in einer kleinen Stadt, die „nur“ 100.000 Einwohner hat. Für mich ist es ein komisches Gefühl, mich hier abzufinden. Die meisten Läden, die ich früher fast wöchentlich besucht habe, sind hier nicht vorhanden. Des Weiteren funktionieren die öffentlichen Verkehrsmittel nicht so gut wie in der Großstadt. Ohne Auto hat man oft Probleme von A nach B zu kommen. Momentan versuche ich mich hier zu akklimatisieren. Die schönsten Tage sind für mich aber oft die, die ich in Berlin verbringe. Die Menschenmassen, der Lärm und der Gestank der Großstadt – all dies bildet meinen natürlichen Lebensraum.

Welchen Beruf übst Du aus? Wie verdienst Du Deinen Lebensunterhalt?

Ich arbeite als Journalistin und freie Autorin für verschiedene Arbeitgeber. Zusätzlich kümmere ich mich beruflich um gute, nachbarschaftliche deutsch-polnische Beziehungen. Jeden Tag versuche ich, Deutsche und Polen miteinander zu verbinden, damit interessante deutsch-polnische Begegnungen stattfinden und tolle, grenzüberschreitende Projekte entstehen.

Was machst Du in Deiner Freizeit?

Welche Freizeit? Wenn ich nicht arbeite, forsche ich für meine neuen Texte, reise und versuche, Zeit mit meinem Mann zu verbringen. Er ist auch sehr beschäftigt. Wir finden aber jeden Tag mindestens eine Stunde füreinander. Ich treibe auch gerne Sport, verabrede mich mit Freunden oder besuche interessante Veranstaltungen zum Thema Kunst und Politik.

Was hast Du gestern zu Mittag gegessen?

Gestern war bei uns ein „Ausnahmetag“. D.h., ich habe nicht selber gekocht, sondern Pizza bestellt. Solche Tage kommen sehr selten vor. Gestern war ich aber nicht nur müde, sondern auch etwas erkältet, deswegen hatte ich keine Lust und keine Kraft, nach der Arbeit etwas Frisches zu kochen. Normalerweise bereite ich unsere Mahlzeiten immer selber aus frischen, regionalen und saisonalen Produkten.

Wo hast Du Deinen letzten Urlaub verbracht?

Wir sind mit meinem Mann viel unterwegs, deswegen ist es schwer, diese Frage eindeutig zu beantworten. Urlaub (im Sinne von frei im Betrieb) ist nicht immer Urlaub. Unsere letzten Destinationen waren also Tschechien, Griechenland und Polen.

Welchen Traum/Wunsch möchtest Du Dir demnächst erfüllen?

Weil ich keine Träumerin bin, sondern kühle Realistin, habe ich momentan keine Wünsche offen, die man selber erfüllen könnte. Ich wünsche mir nur, dass meine Familie und Freunde gesund bleiben und sich jeden Tag an ihren Kindern und Partnern erfreuen können.

Welche Erfahrungen hast Du mit Deutschland und Deutschen gemacht?

Ich bin seit mehr als 17 Jahren im deutschsprachigen Raum unterwegs. Viele deutsche Städte waren für kürzere oder längere Zeit mein Zuhause. Während dieser Zeit habe ich verschiedene deutsche Bürgerinnen und Bürger kennengelernt. Viele waren freundlich und unterstützend, andere jedoch aggressiv und beleidigend. Weil ich mich für Toleranz und friedliches Miteinander einsetze, wurde ich öfter von radikalen Deutschen kritisiert und sogar beschimpft. Ich denke aber, in jedem Land gibt es sowohl nette als auch radikale Menschen. In Deutschland ist es nicht anders.

Was mich in Deutschland nervt, ist die „künstliche“ Freundlichkeit und Höflichkeit. Das ist reine Schauspielerei! In einem Moment begrüßt mich jemand freundlich, im anderen Moment versucht er oder sie mich schlecht zu machen – oft, weil ich keine Deutsche bin. Fremdenfeindlichkeit ist für mich kein unbekannter Begriff. Viele hat gestört, dass ich mich im Bus mit meiner Freundin auf Polnisch unterhalten oder mit polnischen Arbeitskollegen in der Firma Polnisch gesprochen habe. Mir wurde eine Bierflasche auf dem Kopf zerbrochen, weil ich mit meiner Mutter telefoniert habe, auf Polnisch natürlich. Das hat einen Deutschen im Park gestört.

Was möchtest Du den Deutschen mitteilen?

Deutschland ist für uns – für Ausländer – kein Paradies. Die meisten von uns arbeiten schwer, um sich an der Oberfläche zu halten und unsere Familien um die Runden zu bringen. Viele von uns haben wirklich keine Wahl und müssen nolens volens in Deutschland leben und arbeiten. Es gibt sehr viele Gründe dafür. Deswegen bitte ich anderen Menschen gegenüber um etwas mehr Respekt. Die höflichen Fassaden könnt ihr Euch sparen. Informiert Euch lieber über unsere Heimatländer, schließt Freundschaften mit Ausländern und lernt uns (endlich) kennen, statt Euch Vorurteile aus dem Internet zu holen! Wir sind nicht alle Putzfrauen, Bauarbeiter oder Landwirtschaftsgehilfen. Wir haben eine gute Ausbildung, sprechen mehrere Sprachen und haben internationale Erfahrung.

Möchtest Du uns sonst noch etwas mitteilen? Einen Witz, ein Kochrezept, einen Buchtipp, eine Anekdote aus Deiner Nachbarschaft …

Warum dürfen Pausen in deutschen Ämtern nie länger als 60 Minuten dauern?

Damit man die Beamten nicht jedes Mal neu anlernen muss.

 

Inwiefern war das für dich als Leser oder Leserin von Polen.pl interessant? Was möchtest du noch wissen? Wenn die Sprachbarriere nicht wäre, was würdest du Polinnen und Polen fragen wollen? Möchtest auch du deine Perspektive schildern? Dann hinterlasse unten einen Kommentar.

 

Das Beitragsfoto wurde uns freundlicherweise von Tina zur Verfügung gestellt. Istebna in Schlesien, einer von Tinas Lieblingsorten.

Anna studierte in Münster und Regensburg Vergleichende Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft und Geschichte mit den Schwerpunkten Polen und Frankreich. Außerdem interessiert sie sich sehr für Russland. Zahlreiche, teilweise längere Aufenthalte in Polen, vor allem Praktika in Warschau, brachten ihr Sprache, Land und Leute näher. Bei Polen.pl kümmert sie sich gemeinsam mit Jutta und Simon um die allmonatliche deutsch-polnische Terminübersicht Co się dzieje und schreibt in den Rubriken Kultur, Gesellschaft und Politik. (Email: anna@polen.pl)

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