Polen wiederentdeckt. Teil 2

  • von
Frisches Haff

Fortsetzung von “Polen wiederentdeckt. Teil 1” (veröffentlicht am 10. Februar 2020)

 

Radwandern in Ermland und Masuren

Ich war inzwischen 53, mein Vater 87 Jahre alt, als ich zufällig auf eine geführte Radreise durch das Ermland (Warmia) und Masuren (Mazury) stieß. Auf deren Programm stand auch das Heimatdorf meines Vaters Lwowiec, ehemals Löwenstein. Es befindet sich ca. 15 km südlich der russischen Grenze und ist für seine große Storchenpopulation bekannt. Ich dachte, da fahre ich einfach einmal mit und mache für meinen Vater ein paar Fotos. Vielleicht würde es ihn freuen. Ich bereitete mich nur wenig auf die Reise vor. Ich war gespannt und offen, aber nicht besonders emotional involviert.

Radwandern ist für mich die ideale Art zu reisen. Es ermöglicht einen unmittelbaren und „sinnlichen“ Zugang zu den Landschaften und Orten, die man durchquert. Der direkte Kontakt zu der Umgebung und den Menschen, denen man begegnet, gefällt mir sehr. Die Tatsache, dass man mit eigener Kraftanstrengung die Orte im Wortsinn „erfährt“, macht es zu einem ganz besonders intensiven Erlebnis.

Auf dieser sehr gut begleiteten Radtour entdeckte ich unverhofft ein kleines Radwanderparadies, dieses Land der 3.000 Seen. Zwar gibt es nur wenige ausgewiesene Radwege, dafür gibt es aber berühmte alte Alleen und kleine Landstraßen, auf denen es sich wunderbar durch einsame Landstriche und Dörfer radeln lässt. In ihnen meint man, die Zeit sei stehen geblieben. Die Vergangenheit hat hier viele Spuren hinterlassen. Man begegnet ihnen ganz leicht; in den meisten Fällen, ohne dass es besonderer Hinweistafeln und Museen bedarf. Die Vergangenheit erscheint hier als ein Teil der Landschaft.

 

Auf den Spuren der Vergangenheit

Unter anderem führte uns die Radreise durch das Bartener Land. Durch ein Meer blühender Rapsfelder erreichte ich das Heimatdorf meines Vaters. Lwowiec ist ein kleines Bauerndorf. Es zählt heute laut Wikipedia 220 Einwohner. Soweit ich es einschätzen kann, ist das Dorf in seinem Aufbau weitgehend erhalten geblieben. Ich stellte mir vor, dass das, was ich gerade sah, genau das war, was auch mein Vater als Kind gesehen hatte, wenn er aus dem Haus kam. Es war unspektakulär und gleichzeitig unbeschreiblich schön. Die Weite, die einem das „Herz öffnet“, das satte Grün der Wiesen, durch die sich ein Bach schlängelt und der Himmel mit seinen unvergleichlichen Wolkenformationen, der am Horizont die Erde zu berühren scheint, die Stille …

Als ich dort stand, diese Bilder auf mich wirken ließ und sie mit meinem Fotoapparat für meinen Vater einfangen wollte, ergriff mich völlig unerwartet eine Flut von Emotionen. Plötzlich konnte ich die Sehnsucht meines Vaters nach seiner Kindheit, nach der Freiheit, nach der für ihn verlorenen Heimat verstehen. Diese Gefühle waren mir bis zu diesem Zeitpunkt so nicht nachvollziehbar gewesen. Bevor es mit dem Fahrrad weiter ging, besuchten wir Lwowiec’ ergreifend schöne, schlichte Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert „Matka Boża Szkaplerzna“. 1930 war mein Vater dort getauft und später gefirmt worden. Auch hier spürte ich diese sonderbar heftige, schwer fassbare Ergriffenheit.

 

Vermittelte Erinnerungen und Gefühle teilen

Die letzte Station der Reise war Frombork am Frischen Haff (Zalew Wisłany). In der Nähe des Ortes, von dem aus mein Vater als 15-Jähriger im Januar 1945 die Flucht über das Eis antrat, das große Trauma seines Lebens, stand ich, während die Sonne langsam über der Ostsee unterging, zutiefst bewegt. (Nach Aussage der Stadtführerin werde die Ostsee an dieser Stelle noch heute als Massengrab bezeichnet.) Denn plötzlich sah ich die dramatischen Bilder aus seinen Erzählungen vor mir lebendig werden, von denen ich lange Zeit nichts mehr wissen wollte.

Wenn ich an den Moment meiner Ankunft in Frombork zurückdenke, so verbinde ich ihn mit diesem starken Gefühl von Traurigkeit. Es ergriff mich unvermittelt heftig wie schon zuvor in Lwowiec. Auch wenn es absurd klingen mag, begriff ich erst dort richtig, was mein Vater sein ganzes Leben mit sich herumgetragen hatte. Einen individuellen Schmerz über Verlust und schreckliche Erlebnisse konnte ich an diesem Ort verstehen und anerkennen. In diesem Moment rückte der relativierende Gedanke über die deutsche Kriegsschuld in den Hintergrund.

 

Neugierig geworden auf Polen

Parallel zu diesen, in meiner persönlichen Familiengeschichte begründeten Eindrücken, die diese Reise bei mir hinterließ, wurde mir klar, wie wenig ich über unser Nachbarland Polen wusste: über seine Geschichte und Kultur, über die Menschen, die dort inzwischen über mehrere Generationen leben. Auch sie haben zeitgleich mit meinen Eltern ihre Heimat verlassen müssen und ihre Vorfahren ähnliche oder noch dramatischere Geschichten erlebt. Wie verwoben deutsche und polnische Geschichte in diesem Landstrich doch ist. So unverständlich und unaussprechlich mir die polnische Sprache auch anfangs erschien, hatte sie nun einen so wunderbaren Klang in meinen Ohren.

Ich wollte mehr wissen und begann, zu Hause nach polnischer Literatur zu recherchieren. Unter anderem entdeckte ich den Schriftsteller Adam Zagajewski. In einigen Gedichten setzt er sich ebenfalls mit dem Thema Heimatverlust auseinander, das mir bis dato fern lag. Ich erfuhr von den großen erzwungenen Umsiedlungen im ehemaligen Ostpolen. Genauso wie für meine Familie bedeuteten sie großes Leid und Entwurzelung für die polnischen Betroffenen. Auch wenn die Umstände und Ursachen andere waren, war die Erfahrung von Heimatverlust auf individueller Ebene sicher sehr ähnlich.

 

Europäische Geschichte aus polnischer Sicht

Das Buch „Polen verstehen“ von Gerhard Gnauck verdeutlichte mir einmal mehr, wie sehr es bei der Geschichtsschreibung auf die Perspektive ankommt, aus der Geschichte erzählt wird. So las ich insbesondere die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus polnischer Sicht mit sehr großem Interesse. Betroffen stellte ich fest, dass mir bis dahin das immense Ausmaß der polnischen Leidensgeschichte zwischen zwei totalitären Staaten nicht bekannt war.

Polen (und ganz besonders Ostpolen) war im Verlauf der Geschichte zur „gemeinsamen Heimat der vielen Völker“ (Johannes Bobrowski) geworden. Das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen mit ihren unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Traditionen war Normalität. Dieser multikulturelle Charakter der Gegend faszinierte mich schon lange. Auch wenn mir die historischen Umstände und Erklärungen bekannt sind, bleibt es für mich unfassbar, dass die multikulturelle Umgebung in nur wenigen Jahren so radikal zerstört werden konnte.

Ich wollte gerne gerade diese Orte besuchen und begann, eine Radtour durch Nordostpolen zu planen.

Die Fortsetzung folgt am 24. Februar 2020.

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