Heimliche Polen

Was verbindet Angela Merkel, Mark Forster und Friedrich Nietzsche?

In Deutschland leben und arbeiten viele Polen und deren Nachkommen. Dass es sich dabei um kein neues Phänomen handelt, bezeugen diverse historische Quellen. So wurde bereits in den Statuten von Petrikau (pol. Statuty Piotrkowskie) vermerkt, dass den einheimischen Bauern die Ausreise in die Deutschen Lande während der Erntezeit fortan verwehrt werden soll. Besagte Statuten sind immerhin ein polnisches Dokument aus dem Jahre 1496.

Politiker, Institute und sonstige Einrichtungen, die sich mit dem Thema Migration befassen, bescheinigen den polnischen Zuwanderern, dass sie schnell und nachhaltig in der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft ankommen[1]. Die Integration und Assimilation der Polen in Deutschland verläuft häufig so rasch und nahtlos, dass sie bereits innerhalb der ersten Einwanderergeneration vollzogen wird. Das sorgt zum einen für eine gewisse „Unsichtbarkeit“ der Polinnen und Polen hierzulande. Zum anderen führt es zu einigen Überraschungen, wenn man in so mancher deutschen Biografie stöbert. Im folgenden Text erwarten Sie drei solche Überraschungen.

Angela Merkel

2013 berichtete Gazeta Wyborcza {gaseta wybortscha}, die größte Tageszeitung Polens, dass die amtierende deutsche Bundeskanzlerin eine Familie in der polnischen Stadt Posen (Poznań) hat. Es handelte sich dabei um die Verwandtschaft ihres Großvaters. Einige deutsche Medien, darunter Der Spiegel und die FAZ, griffen diese Information auf und veröffentlichten kurze Berichte hierzu. Das Brisante an der Geschichte war, dass Merkels Opa, Ludwig Kaźmierczak {kasmiertschak}, nicht nur ein „waschechter Pole“ gewesen ist, sondern darüber hinaus im Ersten Weltkrieg möglicherweise die Waffen gegen jenes Land richtete, welches später von seiner Enkelin regiert werden sollte.

1896 kam Ludwig als unehelicher Sohn von Anna Kaźmierczak und Ludwig Wojciechowski in Posen zur Welt. Großgezogen wurde er von seiner Mutter und ihrem späteren Ehemann Ludwig Rychlicki {richlitzki}. Zu dieser Zeit waren die Stadt Posen sowie der Rest der Region Großpolen seit rund 90 Jahren, also seit den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts, in deutscher Hand. Als der Erste Weltkrieg ausbrach wurde Kaźmierczak, wie die meisten Männer im wehrfähigen Alter, in das Deutsche Heer eingezogen. Aufgrund gewisser Loyalitätsbedenken, wurden die Einheiten, die in den ehemaligen Gebieten Polens rekrutiert wurden, vorzugsweise an der Westfront eingesetzt. Auf diese Weise wollte man schlichtweg vermeiden, dass die Soldaten gegebenenfalls in Berührung mit ihren Landsleuten aus dem russischen Teil Polens kämen.

Die französische Heeresleitung verstand es, diese Situation für sich zu nutzen und erlaubte schon bald die Aufstellung der sogenannten Haller-Armee. Der Name der Einheit, die auf ihrem Höhepunkt auf hunderttausend Soldaten angewachsen war, leitete sich vom Nachnamen ihres Befehlshabers ab – Józef Haller. Umgangssprachlich wurde sie zudem, nach der Farbe ihrer Uniformen, als die Blaue Armee bezeichnet. Sie setzte sich aus den im Ausland lebenden polnischen Migranten, kaiserlichen Überläufern und Kriegsgefangenen polnischer Herkunft zusammen. Und wie ein Bild aus dem Fotoalbum der Familie Rychlicki beweist, war Ludwig Kaźmierczak einer von ihnen. 1918 nahm die Armee an den Gefechten in der Champagne teil. Es ist also gut möglich, dass Ludwig unmittelbar am Kampf gegen das kaiserliche Deutschland beteiligt war. Trotzdem schien er kein Groll gegen das Land zu hegen. In den frühen 1920er Jahren wanderte er nach Berlin aus und lernte dort seine zukünftige Frau Margarethe kennen, die 1926 ihren gemeinsamen Sohn Horst zur Welt brachte. 1930 beschloss die Familie, ihren Namen zu ändern. So wurde unter anderem aus Horst Kaźmierczak, dem Vater der Kanzlerin, schließlich Horst Kasner. Der Rest ist Geschichte.

Nachdem die polnische Herkunft der Bundeskanzlerin publik wurde, lud die nach wie vor in Posen lebende Familie Rychlicki, Angela Kaźmierczak, pardon, Merkel zum Mittagessen ein. Ob sie der Einladung gefolgt ist und inwiefern die Familienbande wieder auflebten, bleibt indes unbekannt. Das Bundespresseamt ließ damals verlauten, dass man sich in die Privatangelegenheiten der Kanzlerin nicht einmischen wolle. Sie selbst hingegen betont fortan, dass ihre Familie „zu einem Viertel polnisch“[2] sei.

 

Mark Forster

Ach ja, wer kennt ihn nicht, den Senkrechtstarter der deutschen Charts, der mit seiner Musik stets für gute Laune sorgt und das Käppitragen salonfähig gemacht hat. Ich spreche natürlich von Marek Ćwiertnia {tschwiärtnia} und sagen Sie jetzt bloß nicht, dass sie nicht wissen, von wem die Rede ist!

Mark, oder eben Marek, wie seine Mutter ihn auf Polnisch zu nennen pflegt, ist ein toller und erfolgreicher Sänger. Doch weil er aus seiner Herkunft keinen Hehl macht, ist er auch ein großartiger Botschafter Polens, der vor allem mit seiner Interpretation des aus dem 17. Jahrhunderts stammenden Weihnachtsliedes „Lulajże, Jezuniu“ {lulajsche jesuniu}[3] sich sowohl in die polnischen als auch die deutschen Herzen gesungen hat. Darunter möglicherweise auch in das Herz von Lena Meyer-Landrut.

Mark, geboren in Kaiserslautern, wurde von seiner polnischen Mutter großgezogen. Noch bevor seine Solokariere Fahrt aufnahm und Mark einem breiteren Publikum bekannt wurde, tourte er durch Deutschland. Das geschah an der Seite eines Berliner Komikers in der Rolle eines polnischen Pianisten. Zu seinem Künstlernamen „Forster“ kam er, als er erkannte, dass der für deutsche Zungen unaussprechliche Familienname Ćwiertnia wenig markttauglich sei. Mit dem Namen Ćwiertnia haben im Übrigen auch die Polen ihre Schwierigkeiten. Zupass kam ihm ein Mitarbeiter einer Plattenfirma, mit dem er sich in einem Aufnahmestudio in der Forster Straße in Berlin traf. Dieser war nicht in der Lage Marks Nachnamen richtig aufzuschreiben, also speicherte er ihn einfach unter Mark Forster ab. Das gefiel Ćwiertnia so gut, dass er es als seinen Künstlernamen übernahm.

Der Klang von Marks bürgerlichem Namen ist zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig. Ich finde dennoch, dass er etwas Schönes und für einen Sänger durchaus Passendes in sich birgt. Zwar leitet er sich am wahrscheinlichsten vom polnischen Wort „ćwierć“ beziehungsweise „ćwiartka“ ab, was wörtlich übersetzt (ein) „Viertel“ bedeutet. Man könnte ihn aber auch auf das Wort „ćwierkać“, also „zwitschern“ zurückführen. Und ich möchte den Vogel oder die Sänger*in sehen, welche Mark beim zwitschern das Wasser reichen können.

 

Friedrich Nietzsche

Nietzsche ist eine historische Gestalt, die mit Werken wie “Also sprach Zarathustra” oder “Jenseits von Gut und Böse” die Philosophie nachhaltig beeinflusste. Bedauerlicherweise wurde er durch systematische Manipulation und Entkontextualisierung seiner Aussagen von den Nationalsozialisten ideologisch missbraucht. Das grenzt an Ironie und Sie können sich schon denken, warum.

Nietzsche ist in unserer Auflistung ein Sonderfall. Aus welchem Grund? Nun, als Einziger hat er keine belegbaren polnischen Vorfahren. Dennoch hielt der bedeutende Philosoph sein Leben lang an der Behauptung fest, er stamme vom polnischen Adel ab. Gleicher Meinung war im Übrigen Bernard Scharlitt. Der seinerzeit namhafte Biograf von Fryderyk Chopin führte die Herkunft von Nietzsche auf die Adelsfamilie Nicki (ausgesprochen wird es Nietzki) aus dem mittelpolnischen Masowien zurück. Alles reine Spekulation? Fakt ist, dass die Familie Nietzsche, deren Name im 16 Jahrhundert in den Geburtsregistern auftaucht, fortan nachweislich deutsch blieb. Eine Tatsache, die allerdings nicht ausschließt, dass sie davor in Polen gelebt haben könnte.

In einem Brief an seinen Freund Georg Brandes, der in Dänemark die polnische Literatur des 19. Jahrhunderts publik machte, schrieb Nietzsche jedenfalls: „Meine Vorfahren waren polnische Edelleute (Niëzky); es scheint, daß der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher »Mütter«. Im Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizzas comme Polanais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matejkos vorkomme(…)[4].“. Den Lesern unseres Blogs ist übrigens mindestens ein Bild von Jan Matejko bereits bekannt. Und zwar jenes, welches meinen Beitrag über die 3. Mai – Verfassung ziert… Können Sie darauf den Friedrich erkennen?

Ein anderes Mal schrieb Nietzsche in seinem autobiographischen Werk „Ecce homo. Wie man wird, was man ist“: „Ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben.[5]“ Ein Zitat, in dem er gleich einen weiteren (heimlichen) Polen hervorhebt. Und möglicherweise einen Anflug vom polnischen Patriotismus erkennen lässt.

Ob echter oder nur gewünschter polnischer Abstammung. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Nazis, die gerade die Polen zu „Untermenschen“ herabstuften, sich dafür definitiv den falschen Ideologen ausgesucht hatten.

 

Drei verschiedene Persönlichkeiten, die die deutsche Gesellschaft unterschiedlich und tiefgehend prägten und prägen. Drei Personen und ein gemeinsamer Nenner. Polen.

 


 

[1] https://www.land.nrw/de/pressemitteilung/staatssekretaer-klute-die-integration-der-polen-nrw-ist-eine-erfolgsgeschichte

[2] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kanzlerin-merkel-hat-polnische-wurzeln-a-888674.html

[3] https://vimeo.com/265466488

[4] http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Briefe/1888/232.+An+Georg+Brandes,+10.4.1888

[5] https://gutezitate.com/zitat/116825

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Bogumil Palka

Bogumil ist in Polen geboren und seit seinem 14. Lebensjahr in Deutschland zu Hause. Er studierte Pädagogik in Bielefeld und Stockholm und "Polen und Deutsche in Europa" (kurz EuPoD) in Kiel und Posen. Bogumil absolvierte zahlreiche Praktika im deutsch-polnischen Kontext, darunter am Deutschen-Polen Institut in Darmstadt und dem Polnischen Generalkonsulat in Hamburg. Er war Teilnehmer und Veranstalter verschiedener Begegnungen, Projekte und Tagungen und ist freiberuflicher Sprachmittler und Teamer.

2 Gedanken zu „Heimliche Polen“

  1. Lieber WRz, vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Ich frage mich was Sie denn genau an meinem Artikel stört. Sind das die polnischen Vorfahren, über die ich berichte, oder geht es eher allgemein um den Sinn jemandem im 21 Jahrundert eine bestimmte Herkunft zuzuschreiben? Erlauben Sie mir zu versuchen, dahinter zu kommen.
    Nun, wenn es um Letzteres geht, so haben Sie natürlich recht. Europa und seine Gesellschaften stellen seit jeher ein kunterbuntes Gemisch dar. Wer´s nicht glaubt, der sei z.B. auf die neuesten Erkenntnisse und Forschungsresultate der Paläogenetik verwiesen. In diesem Sinne spielt die Ethnie (Kultur, Nationalität etc.) eine eher marginale Rolle. In meinem Artikel geht es allerdings um etwas anderes. Die polnischen Spuren in der Biografie von Angela Merkel sowie das subjektive und letztlich objektiv nicht verifizierbare Bekenntnis Nietzsches, auf die Sie offensichtlich anspielen, sind zunächst einmal Fakten. Deskriptive Fakten, aus denen keine normativen Ansprüche oder sonstige Folgen entstehen. Jedenfalls nicht für mich. Da wir uns auf polenpl begegnen, zielte mein Artikel in erster Linie darauf ab, interessierten Lesern etwas über das und die Polen näher zu bringen, was Sie nicht schon tausendmal woanders gelesen haben. Mir persönlich hat es schlichtweg Spass gemacht über die drei “heimlichen Polen” zu berichten. Und ich hoffe, dass es vielen die es lesen, gelesen haben oder es lesen werden genauso ergeht. Nicht mehr und nicht weniger.
    Abschließend bitte ich Folgendes zu bedenken: Unsere Sicht der Dinge trifft nicht auf die Menschen des 19. Jahrhunderts zu. Wenn also Nietzsche sich als Pole empfand und daraus u.a. die Vorliebe für Chopins Musik schlussfolgerte, dann kann man das im Jahre 2021 gut finden oder nicht. Man muss es aber hinnehmen.
    Viele Grüße
    Bogumil

  2. wie sinnvoll ist es Verwandtschaftsverhältnisse aufzuzeigen, die Jahrzehnte oder -hunderte zurückliegen, um zu beweisen, dass jemand polnische Vorfahren hat? Innerhalb Europas hat es in den vergangenen Jahrhunderten richtige Völkerwanderungen gegeben, sei es wirtschaftlich erzwungen oder durch Vertreibung verursacht.

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