Es war eine schöne Zeit.
Plötzlich erschienen überall Artikel und Videos über Polen. Journalisten und Influencer entdeckten Warschau (und andere Städte), als hätten sie versehentlich eine falsche Ausfahrt genommen und eine moderne europäische Metropole vorgefunden, wo sie eigentlich einen grauen Plattenbau aus den Achtzigern erwartet hatten. Man sprach von Wirtschaftswundern, Design, Kultur, Cafés und Start-ups. Polen durfte für einen kurzen historischen Moment sogar Polen sein.
Doch jede Mode hat ein Ende. Ist das die sprichwörtliche Schwalbe, die es einleitet?
Wie die Babuschka zum Kinde
Und wie auf ein Naturgesetz folgt auf die Romantisierung irgendwann die Gegenbewegung. Nach all den schwärmerischen Berichten musste offenbar jemand den Mut aufbringen, die Sache wieder geradezurücken: Polen ist natürlich Osteuropa. Und Osteuropa ist bekanntlich ein einziger großer Topf, der irgendwo hinter Frankfurt an der Oder beginnt und erst kurz nach Wladiwostok aufhört.
In diesem Topf wohnen 300 Millionen Menschen, die alle dieselben Gerichte essen, dieselbe Geschichte haben und wahrscheinlich dieselbe Großmutter (rus. Babuschka) besitzen.
Zumindest scheint das die Welt zu sein, die sich mancher Autor zusammenbastelt.
Da wird dann die polnische Küche zur Schwester der russischen erklärt. Pierogi und Pelmeni liegen schließlich beide in heißem Wasser. Schach und Dame haben auch Spielbretter, also praktisch dasselbe. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich den polnischen Barszcz mit dem russischen Borschtsch gleichsetzen.
Für den Uneingeweihten klingt das plausibel.
Der Barszcz-Krieg
Für den Polen klingt es ungefähr so, als würde jemand behaupten, eine Brezel sei dasselbe wie eine Pizza, weil beides aus Teig besteht.
Der traditionelle polnische Barszcz ist eine klare Rote-Bete-Brühe, zu der Uszka serviert werden. Kleine gefüllte Teigtaschen, die man mit sehr viel gutem Willen als „polnische Tortellini“ bezeichnen könnte. Der russische Borschtsch hingegen (ich habe gegoogelt) ist typischerweise ein kräftiger Gemüseeintopf. Beides hat Rote Bete. Das war es dann aber auch weitgehend mit den Gemeinsamkeiten.
Doch Differenzierung würde die schöne Theorie gefährden.
Also landet alles im selben Korb.
Smetana?!
Noch schöner wird es, wenn polnische Begriffe falsch geschrieben werden. Aus „śmietana“ wird irgendetwas, das aussieht, als hätte jemand bei Scrabble seine Buchstaben fallen lassen. Wer schon die Wörter der beschriebenen Kultur nicht korrekt schreiben kann, besitzt offenbar ein beneidenswertes Vertrauen in die eigene Expertise.
Und dann wird den Polen plötzlich der „berühmte“ Olivier-Salat zugeschrieben.
Jetzt haben wir den Salat
Beim besagten Salat handelt sich um ein Gericht (auch das musste ich recherchieren), das in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken weit verbreitet ist, das aber in Polen ungefähr dieselbe Bedeutung besitzt wie Grünkohl mit Pinkel in Sizilien. Natürlich gibt es auch in Polen Kartoffelsalate, Gemüsesalate und tausend regionale Varianten. Aber wenn man zum polnischen Silvesterabend eingeladen wird und dort reflexartig nach Olivier fragt, wird man vermutlich ähnlich angesehen wie jemand, der auf dem Oktoberfest nach Paella verlangt.
Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn es nur um Essen ginge.
Das eigentliche Problem ist die Haltung dahinter…
Innere Landkarten
…Nämlich die Vorstellung, dass zwischen Ostsee und Pazifik im Grunde eine einzige kulturelle Masse existiert. Dass Polen, Litauer, Ukrainer, Rumänen, Slowaken, Tschechen, Russen und wer sonst noch östlich von Berlin lebt, irgendwie dieselbe Geschichte, dieselbe Mentalität und dieselbe Küche haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Autor Osteuropa als homogenen Raum behandelt ist schon be(ein)drückend.
Man stelle sich umgekehrt einen Artikel vor, der Deutschland, Frankreich, Spanien und Griechenland unter dem Stichwort „Westeuropa“ zusammenfasst und erklärt, dass dort überall Baguette gegessen werde.
Der Autor eines solchen Werkes würde vermutlich keine zwei Absätze überleben.
Dabei muss man nicht einmal tief graben, um zu erkennen, wie absurd die Vereinfachung ist. Die polnische Küche besteht aus deutlich mehr als Pierogi.
Hier eine kleine Erinnerung:
Kotlet schabowy, Gołąbki, Bigos, Żurek, Łazanki, Flaki, Rosół, Fasolka po bretońsku, Kaczka z jabłkami, Placki ziemniaczane (vorzugsweise po węgiersku), Pyzy, Kluski śląskie, Mizeria, Chłodnik litewski, Kaszanka, Kapuśniak, Zrazy, Krokiety (sehr gut zum Barszcz), Sernik, Makowiec, Pączki und Zapiekanki.
Und das ist nur die Kurzfassung. Machen Sie sich doch mal den Spaß und übersetzen es ins Deutsche. Sie werden feststellen, dass sie ¾ davon kennen und essen. Ja, sogar die berüchtigten „Flaki“ (an dieser Stelle ein herzlicher Gruß an die Sächsischen Flecke).
Natürlich gibt es kulinarische Überschneidungen. Die gibt es überall. Italiens Küche hat Einflüsse aus Österreich, Frankreich aus Belgien, Deutschland aus Böhmen. Nur käme niemand auf die Idee, daraus abzuleiten, alles sei letztlich dasselbe.
Wer Polen auf Pierogi reduziert und anschließend erklärt, das sei ohnehin praktisch Russland, beschreibt nicht Osteuropa.
Er beschreibt die Landkarte in seinem Kopf.
Aber genug geredet. Es ist Mittag. Ich gehe jetzt mal was deutsches essen. Soljanka, oder so.
