Vom Zweiten Weltkrieg und Kommunismus

Am 30. August und 1. September werden in Polen Jahrestage begangen, die an Ereignisse erinnern, welche das Weltgeschehen im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflussten. Beide haben mit der Stadt Gdańsk/Danzig zu tun.

Danzig ist ein bedeutsamer wirtschaftlicher Standort mit zahlreichen Großunternehmen, wie Lotos, Bayer, Toshiba oder Amazon. Außerdem ist Danzig mit rund 3,5 Millionen Besuchern jährlich (Stand 2019) ein Touristenmagnet mit zahllosen Sehenswürdigkeiten, die die Stadt ihrer langen und wechselvollen Geschichte verdankt. Einerseits die Heimat namhafter Philosophen (Arthur Schoppenhauer) und Astronomen (Johannes Hevelius), andererseits ein Zankapfel zwischen Deutschland und Polen. Mal ein Fenster zur Welt und der bedeutendste Hafen in der polnischen Blütezeit der Re­nais­sance, mal ein verlorenes Paradies, das heim ins nationalsozialistische Deutsche Reich sollte. Danzig war und ist eine Metropole, die der Geschichte Polens und Deutschlands ihren Stempel aufgedrückt hat. Dies gilt insbesondere für das 20. Jahrhundert.

 

Kriegsbeginn

Am 1. September 1939 eröffnete das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein das Feuer auf die Westerplatte, eine Halbinsel im Stadtgebiet Danzigs, die damals ein polnisches Militärdepot beherbergte. Der Kanonendonner, der über den Hafenkanal schallte, gilt als der symbolische Auftakt zum Zweiten Weltkrieg. Die darauffolgende heroische Verteidigung des Postens gegen die deutsche Übermacht symbolisiert für die Polen zudem den Heldenmut und die Opferbereitschaft ihrer Soldaten. Der Zweite Weltkrieg, der bis heute blutigste Konflikt der Menschheitsgeschichte, ist in diesem Sinne mit der Stadt Danzig unzertrennlich verbunden.

 

Kräne der Danziger Werft
Kräne der Danziger Werft. Bild von Mateusz Dietrich auf Pixabay.

 

Der Anfang vom Ende

Ähnliches gilt für die Ereignisse, die sich 41 Jahre später in der damaligen Leninwerft mitten im Stadtzentrum abgespielten. Die Lebensmittelknappheit und die allgemeine Unzufriedenheit mit der sozioökonomischen Situation im Land führten die 17 000 Werftarbeiter im August 1980 auf die Straße. Bald wurden politische Forderungen laut und der Streik weitete sich in ganz Polen als allgemeines Aufbegehren gegen das kommunistische Regime aus. Am 30.08. gab sich die Regierung geschlagen vorerst jedenfalls und nur halbherzig. Auf die sozialen Postulate wurde zum Teil eingegangen und die Gewerkschaft Solidarność (dt. Solidarität), unter deren Banner die Streiks verliefen, wurde legalisiert. Die restlichen politischen Forderungen blieben indes unerfüllt. Und als die Regierung Ende 1981 versuchte zurückzurudern, die Solidarność verbot und ein Kriegsrecht über das gesamte Land verhing, war dies der Anfang vom Ende des Kommunismus in Polen und im gesamten Ostblock, der in der friedlichen Revolution von 1989 schließlich seine Vollendung fand. „Die Solidarność hat eine Kraft entfaltet, die andere mittel- und osteuropäische Gesellschaften mitgerissen hat. Auch in Deutschland – in der DDR, wie auch in der Bundesrepublik (…). Ihr Freiheitswille hat Steine ins Rollen gebracht, die letztlich die Berliner Mauer und den eisernen Vorhang zu Fall brachten. Die Frauen und Männer der Solidarność sind europäische Freiheitshelden, die auch mich geprägt haben“, so Angela Merkel in ihrem Video-Podcast anlässlich des 40. Jahrestages der Zulassung der Gewerkschaft Solidarność in Polen.

 

Einige Stimmen in Polen meinen, der Zweite Weltkrieg sei für das Land erst mit den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1989 zu Ende gegangen. Wenn dem so ist, ist es doch ein merkwürdiger Zufall und eine Ironie des Schicksals, dass sein Ende genau dort eingeläutet wurde, wo er 41 Jahre zuvor begann.