Sanktuarium Lagiewniki. Image by Dróżka from Pixabay

Sanktuarium Lagiewniki. Image by Dróżka from Pixabay

Drei Hochzeiten und ein Altrocker

Kirchliche Hochzeiten gehören in Polen zum Alltag. Sie sorgen selten für ein landesweites Aufsehen. Doch in den vergangenen Wochen erging es einer Hochzeit anders. Das Bild eines Ehepaares, begleitet von Überschriften wie „Meine Hochzeit ist besser als deine“  beziehungsweise „Unsere Hochzeit ist besser als eure“ verzierte die Titelbilder der meistgelesenen Wochenzeitungen. Darunter waren auch die der als linksliberal geltenden Blätter Angora und Polityka.

Die Überschriften waren dem Lied eines Altrockers entliehen. Diese wandelnde Legende der polnischen Alternativszene ist Kazik Staszewski. Sein Lied sprengte mit dem gleichnamigen Titel kurz zuvor die Redaktion des polnischen Radiosenders Trójka. Um das zu erklären bedarf es eines kleinen Exkurses.

Altrocker

Als in Polen im Zuge der Corona-Pandemie die traditionellen Friedhofsgänge verboten wurden, gab es ein politisches Thema in dem Zusammenhang. Jarosław Kaczyński, Präses der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PIS), leistete sich einen Besuch auf dem Warschauer Friedhof Powązki. Dort besuchte er unter anderem das Grab seiner Mutter.

Diese Missachtung der von der PIS selbst verabschiedeten Restriktionen löste in Polen eine Welle der Empörung aus. Diese Diskussion verhalf Kazik zu einem spektakulären Comeback. Sein Song „Dein Schmerz ist besser als meiner“ (pol. „Twój ból jest lepszy niż mój“) eroberte die Chartspitze des bis dato in den Kreisen der Musikkenner sehr beliebten Radiosenders Trójka.

Zumindest sollte er diese Chartspitze erklimmen. Kurz vor der Ausstrahlung wurde die Internetseite des Senders blockiert und die Zuhörerabstimmung, die Kaziks Lied den ersten Platz einbrachte, wurde für ungültig erklärt. Die regierungskonforme Chefetage des Senders begründete ihre Entscheidung damit, dass bei der Abstimmung das Reglement des Senders verletzt wurde. Der Song habe gar nicht zur Wahl gestanden.

Ein Großteil der Redaktion verließ daraufhin unter Protest den Sender Trójka. Diese Ex-Trójkanerinnen und Trójkaner betreiben seit dem 10. Juli einen neuen Sender, der durch Crowdfunding finanziert wird. Kaziks neues Album, auf dem das Lied zu finden ist,  erlangte noch vor seiner offiziellen Veröffentlichung den Goldstatus.

Drei Hochzeiten

Doch zurück zu der Hochzeit. Bei der handelte es sich um die kirchliche Trauung von Joanna Klimek und Jacek Kurski handelte. Kurski wird auch als „Bullterrier“ von Jarosław Kaczyński bezeichnet. Kaczyński führte übrigens der die Liste der Ehrengäste, die der Zeremonie beiwohnten, an.

Kurski bekleidete in Zeiten der PIS-Regierung immer wieder den Posten des Direktors des staatlichen Senders TVP. Seit kurzem, nachdem er im März des laufenden Jahres entlassen wurde, übernahm er dessen Geschäftsführung erneut. Er verwandelte den einstigen öffentlich-rechtlichen Sender nach aktueller Einschätzung der OSZE in ein Werkzeug des amtierenden Präsidenten Duda. Vorgeworfen wird ihm auch, dass ein Teil der im Zuge des jüngst geführten Wahlkampfes auf dem Sender ausgestrahlten Beiträge einen fremdenfeindlichen und antisemitischen Beiklang gehabt haben soll.

Politisch wichtig

Kurski fiel allerdings schon früher als ein getreuer Zuarbeiter Kaczyńskis und wichtiger Mitgestalter der vorangegangenen Wahlkämpfe der PIS auf. Er war es, der mit seiner Aussage zum „Opa aus der Wehrmacht“ Donald Tusk bei der Präsidentenwahl 2005 diskreditierte. Bereits während der ersten Regierungsperiode von Recht und Gerechtigkeit (2005-2007) bekleidete er den Posten des Direktors des TVP. Auch zum jüngsten Wahlsieg von Andrzej Duda Anfang Juli soll Kurski mit seinem Sender erheblich beigetragen haben. Das zumindest meinen die Opposition und viele der regierungsunabhängigen Medien. Hinzu kommt die Tatsache, dass er und sein Bruder Jarosław sinnbildlich für die Spaltung der polnischen Gesellschaft stehen: Der jüngere Jacek steht im Dienste der PIS. Der ältere Jarosław leitet die größte regierungskritische Zeitung Gazeta Wyborcza.

Doppelte Brisanz

Es gibt noch zusätzliche Brisanz im Falle der Ende Juli abgehaltenen Hochzeit: Beide Vermählten hatten bereits eine kirchliche Trauung hinter sich. Beide Ehen brachten Kinder hervor. Um sich erneut kirchlich das Ja-Wort geben zu können, mussten beide Eheanwärter demnach ihre bisherigen Ehen annullieren lassen. Hintergrund: Das katholische Kirchenrecht sieht keine Scheidungen vor. Wie dieses schwierige Procedere den Beiden gelang, ist nicht näher bekannt. Experten des kanonischen Rechts gehen allerdings davon aus, dass Kurski wohl auf emotionale Unreife bei der ersten Eheschließung plädierte. So hätte er von einem Bischofsgericht von seiner Ehe losgesprochen werden können.

Neben den religiösen und moralischen Aspekten der Zeremonie, sorgte auch deren Austragungsort bei vielen für Empörung. Diese fand nämlich im Sanktuarium von Łagiewniki statt. Łagiewniki ist ein wichtiger und symbolträchtiger Wahlfahrtsort. Der Ort wurde bis dato vom liberalen Flügel des polnischen Katholizismus als ein Gegenpol zum erzkonservativen und regierungskonformen Pater Tadeusz Rydzyk und seinem Thorner Medienimperium gehandelt.

Stimmen der Kritik aus verschiedenen Lagern, darunter aus der Kirche selbst, wurden laut. Selbst Pater Tadeusz Isakowicz-Zaleski bezeichnete die Hochzeit als „einen Schuss ins Knie“. Er gilt als ein prominenter und zuweilen kontroverser Vertreter des konservativen Lagers. Professor Andrzej Kobylański, ein bedeutender Theologe, bedauerte hingegen den Ort und die pompöse Ausrichtung der Trauung: Sie sei sicherlich verletzend für die bisherigen Ehepartner des frischvermählten Paares gewesen.

Jacek Kurski entgegnete der Kritik Ende Juli mit einem Interview in der rechtskonservativen Wochenzeitschrift „Sieci“. Darin bekundete er die religiöse Bedeutung des Sanktuariums für sich und seine Frau und bezeichnete die Kritikstimmen als Verleumdung und „Neid-Gejammer“. Ob das überall gut und als glaubwürdig ankam?

Bogumil ist in Polen geboren und seit seinem 14. Lebensjahr in Deutschland zu Hause. Er studierte Pädagogik in Bielefeld und Stockholm und "Polen und Deutsche in Europa" (kurz EuPoD) in Kiel und Posen. Bogumil absolvierte zahlreiche Praktika im deutsch-polnischen Kontext, darunter am Deutschen-Polen Institut in Darmstadt und dem Polnischen Generalkonsulat in Hamburg. Er war Teilnehmer und Veranstalter verschiedener Begegnungen, Projekte und Tagungen und ist freiberuflicher Sprachmittler und Teamer.

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