Corona-Impfskepsis in Polen: Kleine Ursachenforschung

Spritze / Impfung. Image by Triggermouse from Pixabay
Spritze / Impfung. Bild: Triggermouse (Pixabay)
Spritze / Impfung. Image by Triggermouse from Pixabay

Wer sich in diesen Tagen durch die Foren der Internetzeitungen in Polen liest, staunt. Demnach scheint in Polen kaum jemand der Corona-Impfung zu trauen. Die meisten sind schlicht der Auffassung, dass die Pharmalobby damit das ganz große, schnelle Geschäft machen will. Andere wieder tippen auf eine Besänftigungsaktion der Regierung. Natürlich gibt es auch Forumsteilnehmer, die vermuten, dass bei der Impfung ein Chip von Bill Gates eingesetzt wird. Richtig begeistert davon, dass es nun einen Impfstoff gibt, scheint in der polnischen Online-Welt kaum jemand zu sein.

 

Schlichte Ablehnung

Die ganz großen Verschwörungsideologien sind in den polnischen News-Foren eher selten. Es gibt auch Coronaleugner, aber mit relativ geringer medialer Präsenz und vermutlich auch mit wenigen Anhängern. Viel häufiger besteht eine kaum begründete Impfablehnung. Manchmal werden dann Versatzstücke von weltweit bekannten Impfideologien eingebaut. Dies geschieht oft aber wenig fundiert: Kaum jemals wird in den Foren etwa der Name von Bill Gates korrekt getippt, geschweige denn eine plausible Herleitung der möglichen Hintergründe gegeben. Fakten bezüglich der Impfstudien haben es schwer.

So werden zum Beispiel vielfach Pro-Argumente für die Impfung schlichtweg umgedreht. Als etwa die Regierung ankündigte, etwaige Impfschäden finanziell abzusichern, folgerten viele: Die Pharmalobby traut ihren eigenen Impfprodukten nicht. Sie wälze die Verantwortung auf die Länder ab. Dass das auch bei altbewährten Impfstoffen schon immer so ist, scheint unbekannt. Als die ersten Menschen geimpft wurden und von positiven Erfahrungen berichteten, war für viel klar: Hätte es Nebenwirkungen oder Komplikationen gegeben, wäre das natürlich nie gesagt worden.

 

Über das Warum

Im lesenswerten Artikel “Polen: Ein Land voller Impfskeptiker” der Deutschen Welle wird dem Phänomen ebenfalls auf den Grund gegangen. Woher kommt die Impfskepsis in Polen? Woher kommt diese Ablehnung einer eventuellen Verbesserung in der Corona-Pandemie? Und das in einem Land, dessen Gesundheitssystem schon lange überfordert ist? Betrachten wir also die möglichen Ursachen.

 

Krisenpolitik: Vereinfachend betüddeln

Die polnische Regierung verkaufte die Impfung als die Lösung der Pandemie-Sorgen. Es wird beruhigt, aber nicht informiert. Ein Verständnis über die Funktionsweise der Impfung wird kaum vermittelt. Hintergrundinformationen sind schwer zu finden. Viele Polen glauben, die DNA würde durch Impfungen verändert.

Der Gesundheitsminister trat im Sommer zurück. Sein Nachfolger konnte nie das Vertrauen erarbeiten, das Gesundheitsminister anderer Länder in solchen Krisen nutzen. Die Informations-Websites der Regierung wirken modern, informieren aber eher gutmeinend, besänftigend. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels (2.1.2021, 21:00 Uhr) sind sie sogar nicht erreichbar. Sie scheinen nicht wichtig zu sein.

Aber ist das allein ein Grund für die Skepsis gegenüber der Impfung? Der Grund dafür, dass Polen wie ein Land der Coronaleugner wirkt? Wenn auch der Schritt von der Ablehnung der Impfung zum Leugnen der Viruserkrankung von vergleichsweise wenigen Menschen in Polen gegangen zu werden scheint.

Eindeutig: Die stete Wiederholung der Minister, man möge sich doch impfen lassen und alles würde gut, wirkt wie Propaganda. Allerdings: In anderen Bereichen der Politik funktioniert die Methode. Immerhin “repolonisiert” die Regierung genau dafür immer mehr Medien. Warum funktioniert dies also nicht im Gesundheitswesen, bei der Corona-Impfung?

Ein Grund könnte sein, dass auch Prominente und Politiker sich teilweise auf der Seite der Impfgegner positionieren.

 

Impfskepsis aus der Religion

Impfungen waren in Polen nie populär. Laut der Deutschen Welle nutzen auch nur vier Prozent der Polen die Grippeschutzimpfung. In Deutschland sind es bei den über 65-jährigen knapp 35 Prozent (Quelle: Destatis).

Verbunden damit sind auch religiöse Diskussionen (Zucht von Impfstoffen in früherer Zeit auf abgetriebenen Föten in den 1960er-Jahren). Diese Technik spielte früher kaum eine Rolle und heute gar nicht mehr. Daher hat die Kirche sich mit einer Empfehlung für die Impfung positioniert. Das Argument scheint damit ausgeräumt: Die polnische Bischofskonferenz erlaubt Katholiken die Impfung ausdrücklich, selbst wenn die Impfstoffe nicht ethisch einwandfrei sind. Bei den aktuellen Impfstoff-Technologien spricht also nichts dagegen. Diese werden anders produziert.

 

Wenig Vertrauen in das Gesundheitswesen

Das gesetzliche Gesundheitswesen besitzt kaum Vertrauen. Wer es sich leisten kann, lässt sich privat behandeln. Doch dann wird normalerweise alles konsumiert, was die Pharma-Küche so hergibt. Der Markt für Vitaminpräparate, Kräftigungspillen und -pulver und derlei Produkte ist in Polen riesig.

Wäre die Impfung beliebter, wenn sie nur den zahlungskräftigen Privatpatienten zugänglich wäre?

 

Versuchskaninchen-Sorgen

Den aktuell vorliegenden Impfstoffen wird wenig vertraut, weil sie schnell entwickelt wurden. Das ist in der Tat ein gewichtiges Argument für viele. Viele Polen sehen sich auch bei Lebensmitteln als Testmarkt. Sie vermuten, Polen erhalte minderwertige Lebensmittelprodukte aus westlichen Staaten.

In diesem Kontext sind die Sorgen ein Stückweit nachvollziehbar. Wird in anderen Ländern tatsächlich der gleiche Impfstoff eingesetzt, fragen sich viele.

 

Bereitschaft in Umfragen höher

Verlässt man die Online-Foren und betrachtet Umfragen, sehen die Zahlen besser aus, aber auch nicht so ganz anders. Eine IBRIS-Umfrage aus dem Dezember 2020 zeigt eine leichte Mehrheit (47%) von Polen, die sich impfen lassen will. 44% planen die Impfung nicht durchführen zu lassen. Der Rest ist unentschieden.

Zum Vergleich: In Deutschland sprachen sich zum etwa gleichen Zeitpunkt in einer Befragung rund 65% für eine Impfung aus (einige wollen aber nicht zuerst an der Reihe sein). 19% lehnen die Impfung ab. 16% überlegen noch (Quelle: Pharmazeutische Zeitung).

 

Prognosen und Maßnahmen

Was wird bei den nun beginnenden Impfungen passieren? Wird es eine breite Ablehnung geben? Oder wird die Akzeptanz noch steigen?

Prognosen sind bekanntlich schwer. Dennoch lassen sich einige Parameter und Thesen nennen, die Einfluss auf den weiteren Verlauf der Covid-19-Impfungen in Polen nehmen werden.

  • Sachliche Aufklärung: Eine sachliche Erklärung der Vor- und Nachteile von vertrauenswürdigen Protagonisten könnte die Bereitschaft verändern. Die Argumentationen der Mediziner, Virologen und Politiker scheinen in Polen nicht so anzukommen, dass sie das Vertrauen befördern.  Ob sich noch ein geeigneter Kommunikator findet?
  • Nebenwirkungen und der Umgang damit: Die Sorgen vor Nebenwirkungen der Impfungen gibt es in jedem Land. Wie diese auftreten, transparent gemacht werden und wie damit umgegangen wird, kann den gesellschaftlichen Umgang damit entscheidend beeinflussen. Gefragt sind Transparenz, Kommunikation und Einordnung.
  • Politischer Umgang: Impfskepsis ist zurzeit politisch rechts orientiert, die Befürwortung der Impfung eher links. Die medienmächtige Regierungspartei und auch die anderen Parteien sollten davon absehen, den Umgang mit der Impfung zur politischen Positionierung zu nutzen, wenn sie der Impfskepsis entgegenwirken wollen.
  • Stärkung des Gesundheitswesens: Das Gesundheitswesen genießt deswegen so wenig Vertrauen, weil es wenig leisten kann. Das hat finanzielle und organisatorische Gründe. Beide Aspekte müssten gestärkt werden, wenn man mittel- bis langfristig mehr Vertrauen erreichen möchte. Bis dahin könnte tatsächlich die moralisch verwerfliche Variante geeignet sein, auch Privatimpfungen zuzulassen. Das könnte die Attraktivität steigern.

 

Anmerkung vom 10.1.2021: In einer früheren Version des Artikels konnte der Eindruck aufkommen, der Autor zweifle daran, dass es kompetente Virologen oder Kommunikatoren in Polen gäbe. Das ist natürlich nicht der Fall. Gemeint war, dass in der Bevölkerung Informationen anders rezipiert werden als gewünscht. Infragestellt wurde daher als Möglichkeit die Kommunikation oder die Kommunikationsquelle.