Buchrezension – Oberschlesien aus der Luft – Heute und vor 100 Jahren

Foto: Polen.pl

Oberschlesien hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Zwei neu herausgegebene Fotobände mit Schrägluftbildern zeigen diese historische Entwicklung und die heutige Schönheit der Region auf eine beeindruckende Weise. Die Luftbilder sowie die auf Deutsch, Polnisch und Tschechisch abgefassten Texte und Bilderläuterungen wenden sich an alle, die Oberschlesien besser kennenlernen und verstehen wollen.

Oberschlesien heute

Den Band «Oberschlesien aus der Luft – Heute» führt in seinem Beitrag der an der Schlesischen Universität Katowice lehrende Professor für Schlesische Geschichte, Ryszard Kaczmarek, mit der Frage ein: «Wo liegt heute Oberschlesien?» Dabei erläutert er auf kompetente Weise die über die Zeiten stattfindende Bedeutungsveränderung des Begriffs «Oberschlesien». Für ein vertieftes Verständnis der nachfolgenden Seiten bringt Ryszard Kaczmarek den Leserinnen und Lesern das Oberschlesische Industriegebiet, das Teschener und Troppauer Schlesien, das Oppelner Schlesien sowie Polnisch-Schlesien näher.

Die schönen Luftbilder dieses Bandes, die jeweils in geografischen Räumen präsentiert werden, hat der bekannte Berliner Industriefotograf Thomas Voßbeck aufgenommen. Seine Erfahrungen bei diesen Bildflügen beschreibt er unterhaltsam in einem eigenen Beitrag. Die eindrucksvollen Farbaufnahmen sind ausgesprochen ästhetisch und informativ. Sie variieren aufgrund unterschiedlicher Aufnahmehöhen und Perspektiven, sind Detailaufnahmen in Siedlungsgebieten und Industriezonen oder geben einen Überblick über grössere Landschaftsräume.

Oberschlesien aus der Luft – Heute und vor 100 Jahren Foto: Polen.pl

Die Auswahl der Objekte und der Flugrouten stammen vom Publizisten und Übersetzer Dawid Smolorz aus Oberschlesien. Er ist ausgewiesener Historiker und spezialisiert auf die Geschichte dieser Region. Mit seinem tiefen Verständnis von Oberschlesien liefert er in diesem Band zahlreiche erläuternde Beiträge. Dawid Smolorz beschreibt und erklärt in seinen sechs sehr lesenswerten Beiträgen die für das Verständnis der Bilder notwendige Geschichte von fünfzig Siedlungen und Städten sowie von Industrieanlagen und Verkehrsinfrastruktur. Die Luftaufnahmen und die begleitenden Texte sind gut aufeinander abgestimmt, so dass für jeden Text jeweils mindestens ein Bild einen visuellen Eindruck gibt. – Ein geografisches Namensverzeichnis und ein Literaturverzeichnis schliessen diesen Band ab.

Oberschlesien aus der Luft. Vor 100 Jahren

Anders als in vorhergehend besprochenen Band werden in diesem die historischen Schrägluftbilder nicht geografisch geordnet, sondern als Illustrationen für die fachlichen Themenbeiträge der Autoren verwendet.

Auch für diesen Band Oberschlesiens hat Prof. Ryszard Kaczmarek wieder eine spannende inhaltliche Einführung verfasst. Es stellt fest, dass den polnischen Leserinnen und Lesern, die die heutige Region gut kennen, in diesem Bildband ein Oberschlesien präsentiert wird, das es nicht mehr gibt. Diese Begegnung mit dieser «unbekannten oder vergessenen Welt Oberschlesiens» mag dann zu zwei unterschiedlichen Wahrnehmungen des gleichen Raums führen. Ryszard Kaczmarek konstatiert daher, dass «unser zeitgenössisches, kollektives historisches Gedächtnis sich von der durch die deutschen Vorkriegsfotografen eingefangenen Realität unterscheidet.» Diese damalige Welt gilt es als Geheimnis für viele erst noch zu entschlüsseln; denn Oberschlesien stellt sich aus der heutigen polnischen Perspektive ganz anders dar, als für die Deutschen vor dem Zweiten Weltkrieg. Entscheidend ist, welche «Merkmale seiner Identität bis heute aktuell sind, welche hingegen einer eigenen Erforschung bedürfen, um sie zu verstehen».

Diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Bedeutung von geschichtlichen Betrachtungen Oberschlesiens folgen Erklärungen, warum – anders als im Band mit aktuellen Luftaufnahmen – nur der westliche Teil Oberschlesiens auf den historischen Luftaufnahmen abgebildet worden sind. Dabei wird der Begriff der «deutschen Provinz Oberschlesien» hergeleitet und in einen Gesamtzusammenhang gestellt. Spezielle Betrachtungen zu Städten, Kolonien und Werksiedlungen sowie zu Namen, zur Wirtschaft und zu den Menschen folgen.
Der Journalist und Polenkenner Thomas Urban befasst sich anschliessend in seinem Beitrag mit dem Schrägluftbilderarchiv der Firma Hansa-Luftbild im Herder-Institut, aus dem die Aufnahmen stammen. Er erläutert Entstehungsgeschichte der Bilder und der Firma sowie ihre Erschliessung durch das Herder-Institut.

Der im Herder-Institut für diesen Bildband verantwortliche Projektleiter ist Dariusz Gierczak. Er verfasst in diesem Band fünf Beiträge. Der erste betrifft die wechselnde Grenzlage Oberschlesiens und deren Bedeutung für die Entwicklung der Region. Diese Situation wird mit Bildern der Stadt Beuthen illustriert, das von Grenzverschiebungen in besonderem Maße betroffen war. Ein weiterer Beitrag behandelt Industrie und Infrastruktur. Hier legt der Verfasser besonderes Gewicht auf die Verkehrsinfrastruktur zu Lande (Strassen und Eisenbahn), zu Wasser (Kanäle) sowie für die Luftfahrt (Flughäfen, bzw. Flugplätze). Weitere Ausführungen beziehen sich auf den Wohnungsbau, das Brauereiwesen und Rundfunk-Sendeanlagen. In seinem dritten Beitrag befasst sich Gierczak mit dem Wandel der Kulturlandschaft durch Forst- und Landwirtschaft sowie durch das frühe Eisenverhüttungswesen und die Bergbauaktiviäten. Zwei weitere Artikel betreffen das Siedlungswesen, wobei der eine Ausführungen zu Stadtkernen sowie zum Städtebau macht und der andere zu den Siedlungstypen in Oberschlesien.

Sławomir Brzezicki befasst sich anschliessend in zwei weiteren Beiträgen mit dem Wohnsiedlungsbau sowie mit Sport und Freizeit in Oberschlesien.

Ksenia Stanicka-Brzezicka, wie Sławomir Brzezicki Mitglied des wissenschaftlichen Teams des Herder-Instituts, erläutert den Leserinnen und Lesern die Residenzarchitektur Oberschlesiens, indem sie die Geschichte der Herrensitze in Ratibor, Falkenberg, Proskau, Slawentzitz, Dobrau, Koppitz und Plawniowitz darstellt. Alle Ausführungen werden mit historischen Schrägluftbildern visualisiert.

Von der gleichen Autorin stammen zwei weitere kulturgeschichtliche Kapitel: Eines zur Geschichte der Kirchen, die in Oberschlesien zu einem der wichtigsten Bestandteile der Kulturlandschaft und des kulturellen Erbes gehören und jenes zum Annaberg, das auch als «Das Jerusalem und Rom Oberschlesiens» bezeichnet wird.

Ein Beitrag des Historikers Ondřej Kolář vom tschechischen Schlesischen Landesmuseum in Opava, über die Geschichte des tschechischen Schlesiens im 19. und 20. Jahrhundert und ein geografisches Namensverzeichnis sowie eine Bibliografie schließen diesen Band ab.

Fazit

Das Lesen der Texte und das Betrachten der Bilder ist ausgesprochen spannend und eröffnet neue Sichtweisen auf eine geografische Region, die zumindest im deutschsprachigen Raum nicht im Zentrum des touristischen Interesses steht. Insbesondere der Band mit den aktuellen Bildern könnte bei vielen den Wunsch auslösen, diese interessante und schöne Region persönlich zu besuchen. Für eine polnischsprachige Leserschaft dürfte eher der Band mit historischen Aufnahmen im Zentrum des Interesses stehen.

Beide Bände sind äusserst informativ und von ausgewiesen Fachleuten verfasst. Sie lesen sich leicht, sind gut verständlich und ergänzen sich. Allerdings ist wegen der unterschiedlichen Konzepte der Bände ein direkter Vergleich von historischen Luftbildern mit der heutigen Situation nur in Ausnahmefällen möglich.

Grafische Gestaltung und Satz sind sehr ansprechend und tragen viel zum Spass beim Lesen bei. Beide Bände bereichern die Bibliothek (und den Kopf) eines jeden an Schlesien interessierten.

Information zu den Büchern

  • GÓRNY ŚLĄSK Z POWIETRZA – PRZED STU LAT / OBERSCHLESIEN AUS DER LUFT – VOR 100 JAHREN / HORNÍ SLEZSKO ZE VZDUCHU – PŘED STO LETY
    Hrsg. von CLAUDIA KRAFT und DIETMAR POPP
    Bd. 52020, 223 Seiten, 204s/w-Abb. € 25,- ISBN 978-3-87969-451-8 (bei Amazon zu finden, Affiliate-Link)

 

  • GÓRNY ŚLĄSK Z POWIETRZA – DZISIAJ / OBERSCHLESIEN AUS DER LUFT – HEUTE / HORNÍ SLEZSKO ZE VZDUCHU – DNES
    Hrsg. von CLAUDIA KRAFT und DIETMAR POPP
    Bd. 62020, 246 Seiten, 231 farbige Abb. € 25,- ISBN 978-3-87969-452-5 (bei Amazon zu finden, Affiliate-Link)

Zur Erarbeitung

Beide Bildbände entstanden im Rahmen eines zweieinhalbjährigen deutsch-polnisch-tschechischen Projektes. Dieses wurde von der Professur für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Siegen geleitet, vom Herder-Institut ausgeführt und vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien finanziell unterstützt. Die beiden erstgenannten Institutionen treten daher als Herausgeberinnen auf. Gemeinsames Ziel dieser Zusammenarbeit war es, einen Beitrag zur visuellen Geschichte der transkulturellen Industrie- und Kulturlandschaft Oberschlesiens zu leisten.

Neben den Autoren und Autorinnen haben zu den Bänden beigetragen: das Schlesische Museum in Kattowitz (Muzeum Śląskie, Katowice, PL), das Schlesische Landesmuseum in Troppau (Slezské zemské muzeum, Opava, CZ) und das Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln (Dom Współpracy Polsko-Niemieckiej, Opole, PL).

Im Band «Oberschlesien aus der Luft – Heute» beschriebene und abgebildete Siedlungen

Gleiwitz, Hindenburg, Beuthen, Ruda, Königshütte, Kattowitz, Deutsch Piekar, Myslowitz, Tichau, Tost, Teschen und Tschechisch-Teschen, Bielitz-Biala, Weichsel, Trzynietz, Karwin, Alt Oderberg und Annaberg, Ostrau, Jauernig, Zuckmantel, Rheinwiesen, Freiwaldau, Jägerndorf, Troppau, Hultschin, Patschkau, Ottmachau, Neisse, Zülz, Neustadt, Oberglogau, Lubowitz, Gross Rauden, Ratibor, Kandrzin-Cosel, St. Annaberg, Moschen, Oppeln, Falkenberg, Carlsruhe, Rybnik, Sohrau, Bad Königsdorf-Jasstrzemb, Pless, Kreuzburg, Pitschen, Herby, Tarnowitz und Neudeck.

Anmerkung: Wir haben von den Autoren ein Rezensionsexemplar erhalten.

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Hauke Fehlberg

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

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