In Berlin nehmen die Polizisten polnische Rechtsnationale fest. Tags darauf wollen bestimmte PIS-Politiker und Sympathisanten „Deutschland boykottieren“. Andere sprechen von einem Dolchstoß in den Rücken. Wenige Tage später erkennt Präsident Nawrocki seinem ukrainischen Amtskollegen die Höchste Auszeichnung Polens ab, den Orden des Weißen Adlers, den ihm sein Vorgänger, Andrzej Duda 2023 verliehen hat. Aus Protest, verzichten einige ukrainische Politiker auf ihre eigenen polnischen Orden. Ukrainische Städte verweigern die Annahme polnischer Spenden, auch wenn es sich dabei um dringend benötigte Busse handelt, und die polnischen MIG-29-Flieger werden auch nicht mehr benötigt. Die polnisch-ukrainischen Flitterwochen sind endgültig vorbei. Der polnische erinnerungspolitische Zweifrontenkrieg ist eröffnet.
Die erste Hitzewelle des Sommers
Der polnische Sommer startet nicht nur wettertechnisch mit einer Hitzewelle.
Eingeleitet wird sie von polnischen Rechtsnationalen um Robert Bąkiewicz. Mit den Mitgliedern seiner „Bewegung zur Verteidigung der Grenzen“ will er in Berlin den polnischen Opfern des deutschen Nationalsozialismus gedenken. Mit einem 2,5-Meter großen Kreuz, Gelbwesten und Lautsprechern. Unangemeldet und unangekündigt. Als die Berliner Polizei interveniert (nach Aussage der Polen „brutal“) hallen ihr „Gestapo! Gestapo!“- Rufe entgegen. Eine Beleidigung, die zum bunten Berlin, das mehr Polinnen und Polen beheimatet als die Städte Opole oder Zielona Góra, in etwa so passt, wie ein Veganer auf die Betriebsfeier einer Fleischerei. Es kommt zu Rangeleien und schweren Vorwürfen, die Tags darauf zu einem Boykottaufruf der polnischen Rechten gegen deutsche Produkte führen.
All das am Vorabend einer deutsch-polnischen Regierungskonferenz, die an die bilateralen Nachbarschaftsverträge von 1991 und die seither gemeinsam erzielten Erfolge erinnern sollte.
Der Hitze(nach)schlag
Doch die polnischen Rechtsnationalen konnten ihren „moralischen Sieg“ in Berlin kaum verwerten. Gerade mal drei Tage später (gestern, wenn Sie diesen Beitrag am 20.06.2026 lesen), brachte nämlich Präsident Karol Nawrocki frischen, wenn auch altbacken Wind in die polnische Hitzewelle. Und lenkte die Aufmerksamkeit der polnischen Öffentlichkeit auf den Osten – auf die immer noch kämpfende und blutende Ukraine.
In einer sehr pathetischen Rede erkannte er Wolodymyr Selenskij den ihm im Jahre 2023 verliehenen Orden des Weißen Adlers ab. Nicht als eine Abkehr vom bisherigen proukrainischen Kurs des Landes, nicht als eine Beleidigung des tapferen ukrainischen Volkes, aber sehr wohl als eine Retourkutsche für die Benennung einer gegenwärtigen ukrainischen Kampfeinheit nach den „Helden der UPA“ aus den 1940er Jahren.
Ich werde mich an dieser Stelle nicht zu dem Massaker von Wolhynien äußern, oder zu den gravierenden Unterschieden zwischen der polnischen und der ukrainischen Erinnerungskultur in Bezug auf die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) . Das verbietet mir sowohl dieser unwürdiger Rahmen als auch die Geschichte meiner Familie, die anteilig aus dem Gebiet stammt, wo die Morde sich zugetragen haben.
Ich beschränke mich lediglich auf die Feststellung, dass Empathie wohl das fragilste Gut in jedem Krieg zu sein scheint.
Lösungen kaum in Sicht. Aber warum eigentlich?
Die polnische Politik wird seit langem von Emotionen bestimmt und bietet daher kein dialogförderliches Umfeld. Weder nach außen noch nach innen. Es sei denn man versucht die vorgegebenen Trigger anzugehen. Die polnischen Rechtsnationalen geben vor polnische Opfer des Nationalsozialismus zu ehren? Dann baut doch endlich ein Mahnmal, wo sie es tun können ohne Berlin aufzumischen und sorgt obendrein dafür, dass den wenigen verbliebenen polnischen Nazi-Opfer schließlich Gerechtigkeit widerfährt. Wenn Ihr die Diskussion von den Gefühlen auf die Sach- und Faktenebene hieven wollt, dann sorgt gefällig für ein paar Fakten. Zieht nicht nur einen moralischen, sondern auch einen sachlichen Schlussstrich unter der Nazi-Herrschaft und nehmt den polnischen Rechten den Wind aus den Segeln! Und sollten diese danach immer noch nach Konflikten suchen wo längst keine mehr zu finden sind, dann wird sie das lediglich bloßstellen und diskreditieren.
Liebe ukrainische Entscheidungsträger. Die Polen haben spätestens 2022 bewiesen, dass sie den Ukrainern nichts nachtragen. Sorgt bitte dafür, dass es so bleibt. Begegnet kurzfristigen politischen Provokationen nicht mit eigenen Provokationen. Gerade in angespannten Zeiten braucht es politische Größe statt symbolischer Vergeltung. Ihr ehrt und erinnert zurecht an die Opfer von Butscha, Irpin, Hostomel und Borodjanka. Wer, wenn nicht Ihr könntet und solltet also auch an die Opfer von Wola Ostrowiecka, Kolonia Gaj, Ostrówki und Kołodno erinnern? Die Toten sollten nicht die Gegenwart überschatten und die Zukunft bestimmen. Aber dafür müssen sie zur Ruhe gebettet werden. Wörtlich, durch ordentliche Bestattung und symbolisch, durch eine offene Auseinandersetzung mit deren Henkern.
