Es ist eine Art Körperertüchtigung die polarisiert und immer wieder für kontroverse Diskussionen sorgt: der Pole Dance. Blitzschnell schießen vielen Menschen Gedanken durch den Kopf wie beispielsweise Nachtclubs in denen Männer nach fast nackten Frauen gieren, dem Rotlichtmilieu und bis hin zur Prostitution. Vorbehalte gegen Pole Dance schürte mit Sicherheit auch der Kinostreifen Striptease von 1996, in dem Schauspielerin Demi Moore “aus der Not heraus” den Job als Stripperin und Pole Tänzerin machte, um Geld für den Prozess um das Sorgerecht für ihre Tochter zu verdienen.
Jüngst echauffierte sich der AfD Bundestagspolitiker Sebastian Maack in einen YouTube Clip über Pole Dance für Kinder. Sicherlich nicht ganz unberechtfertigt. Eine Promotionveranstaltung eines Pole Dance Studios war der Stein des Anstoßes.
Ja und wenn dann auch noch Kinder diese inzwischen anerkannte Sportart ausüben, dann geht es vielen Menschen viel zu weit und das Thema Frühsexualisierung kocht hoch. Zumindest in Europa. Denn in osteuropäischen Ländern wie Balarus, Russland oder selbst der Ukraine scheint Pole Dance inzwischen salonfähig zu sein. Dazu reicht eine fixe Recherche in Sozialen Medien oder auch über Suchmaschinen im Internet.
Somit ist es an dieser Stelle zunächst erst notwendig ein paar ausschweifende Einordungen vorzunehmen.
Ein Blick in die Geschichte bringt Licht ins Dunkel
Vorläufer des Tanzes an der Stange reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Chinesische Artisten zeigten in Wanderzirkussen Figuren, Sprünge und Überschläge an bis zu 6 Meter langen Holzstangen.
Doch um das Jahr 1920 herum entdeckten findige Schausteller, dass es explizit beim männlichen Publikum ausgesprochen gerne gesehen ist, wenn orientalische Tänzerinnen die Stange, an dem das Zelt aufgestellt wurde für körperliche Darbietungen nutzten. Schließlich zog Pole Dance von den Zelten um, hinein in Trinkbars und Raucherclubs und wurde zum Synonym der heute bekannte Strip Clubs. Lokalitäten die interessanter Weise für Jungesellenabschiede auch hierzulande hoch im Kurs stehen.
Es tut sich etwas in Sachen Akzeptanz
Internationale Pole Dance Meisterschaften finden mittlerweile seit 2008 statt, und die ersten Weltmeisterschaften gab es im Jahr 2012. Mit der Gründung der International Pole Sports Federation (IPSF) im Jahr 2009 trägt eine Organisation
zu Wettkämpfen bei, die seitdem jährlich ausgetragen werden.
Pole Dance ist (noch) keine olympische Disziplin, auch wenn er den Beobachterstatus der GAISF (Global Association of International Sports Federations) inne hat.
Seit 2017 offiziell als Sportart anerkannt und damit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer möglichen Aufnahme ins olympische Programm etwas näher gerückt. Für eine Aufnahme in die Olympischen Spiele sind jedoch noch weitere Schritte notwendig, wie eine größere globale Verbreitung des Sports in mindestens 40 Ländern auf vier Kontinenten.
Am 2. Dezember 2014 erschien derweil die erste gedruckte Ausgabe des “Pole Art Magazine” in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die Internetseite “pole-studios.de” listet Stand August 2025 beachtliche 181 Studios in der BRD.
Zu Gast im Pole Dance Studio EUFORIA in Szczecin (Stettin)
Jüngst fanden in der Hafenmetropole Szczecin die alljährlichen Seglertage statt (wir bereichteten). Dem Verfasser dieser Zeilen fielen inmitten der Großveranstaltung Darbietungen von Kindern und Fraunen auf, welche an der Stange tanzten und Promotion für ihre Leidenschaft machten.
Im Rahmen dieser Darbietungen (Video hier verfügbar) kam ich ins Gespräch mit Tänzerin Ola. Sie lud mich ein zu einem Gespräch über den Sport und die Besichtigung der Räumlichkeiten der Pole Dance Schule EUFORIA – ich stimmte zu. Und so war die Idee geboren sich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen!
Ola heißt im bürgerlichen Leben Aleksandra Targowicz und ist 29 Jahre jung. Spricht fast fließend Deutsch und Spanisch. “Diese Sprachen habe ich schon zu meiner Zeit als Abiturientin gelernt und kann das sehr gut gebrauchen ,für meinen Job als Logistik-Fachfrau bei einem internationalen Unternehmen,” weiss sie zu erzählen.
Angesprochen auf ihren Weg, hin zum Pole Dance, beginnt die äußerlich mädchenhaft und selbstbewusst wirkende Aleksandra zu zu schwärmen: “Ich habe mich seit meiner Kindheit gerne in Akrobatik geübt. Das ging los als keines Mädchen beim Reiten, später in Tanz- und Gymnastikgruppen”
Mit Anfang 20 fiel Aleksandra eine Werbeannonce bei facebook ins Auge, die ihr Intresse wecken sollte. Die EUFORIA Gründerin und Inhaberin Klaudia Jasinska bot einen Schnuppertag an, mit dem Ziel die Entwicklung von Frauen in einem seinerzeit noch hochumstrittenen Sport zu etabilieren. Ende 2025 im zehnten Jahr des Bestehens!
Gesagt – getan und so entdeckte Aleksandra ihre neue Leidenschaft für den Tanz an der Stange. Schon ein Jahr später war sie so gut, wie sie erzählt, das sie zur Instrukteurin (Trainerin) befähigt wurde.
Auf die Frage ob es in ihrem familiären Umfeld Bedenken oder Vorurteile gab und gibt, antwortet sie: “Ich habe von Anfang an offen meinem Freund, meinen Freundinnen und auch meinen Eltern davon erzählt. Niemand hat mich deswegen schief angesehen oder verurteilt. Im Gegenteil. Ich werde unterstützt und motiviert. Anfeindungen sind mir zum Glück nicht begegnet.” EUFORIA sei wie eine große Familie. Insgasamt rund 80 Frauen – die älteste Teilnehmerin ist Anfang 60 – sowie knapp 30 Mädchen ab dem fünften Lebenjahr üben sich an dem Sport, der einiges an Selbstdisziplin und Körperbeherrschung jedoch auch Selbstvertrauen abverlangt. Mindestens ein Mal wöchentlich.
EUFORIA ist nach Aleksandras Angaben das führende Pole Dance Studio in Szczecin und dem Umland. Ein Blick des Redakteurs in die Google Maps zeigt tatsächlich vielerlei und fast ausschließlich positive Bewertungen. Auch zeigt die virtuelle Landkarte noch mindestens eine Hand voll weiterer solcher Studios in der Stadt und dem Umland. Also augenscheinlich ist der Tanz an der Stange ein lohnenswertes und in der Popolarität steigendes Geschäft.
Vom Training in den Nachtclub – ist da etwas dran?
Neben zahlreichen Pole Dance Studios finden sich in einer Metropole natürlich auch Nacht- beziehungsweise Pole Dance Clubs. Aber sind das die Frauen, die bei EUFORIA trainieren? Aleksandra macht kein Geheimnis daraus: “Ja, einige der Frauen die hier trainieren – es sind meist Studentinnen – verdienen sich auch Geld als Go-Go-Girls. Das sei allerdings nicht mehr so wie man es sich vorstellt, die Männer sind anspruchsvoller geworden und und wollen vor allem ästhetische Tänze sehen. Sowas trainieren meine Freundinnen hier.” Ansonsten würden jedoch immer mehr “ganz normale Frauen” aus allen möglichen Berufsschichten von der Verwaltungsfachkraft bis hin zur Krankenschwester ihre Leidenschaft entdecken und ausleben. Auch ginge es nicht nur darum an der Stange zu tanzen, viel mehr gehören auch Nebenformen wie Aerial Hoop (Luftreifensport) oder Aerial Silks (Vertikaltuchakrobatik) zu den Trainingsvarianten fest dazu.
Und wie verträgt sich das mit den trainierenden Kindern?
“Die Mädchen trainieren seperat von den Frauen ab 18 Jahren. Es ist zudem mehr wie Artistik und ähnlich in der Zirkusmanege. Handstand, Luftsprünge und andere Bodenturnarten kombinieren wir mit der Höhenakrobatik an der Stange. Gewisse Posten bei denen beispielsweise die Beine an der Stange weit auseinander gehen oder freizügige Kleidung vermeiden wir,” weiss die Trainerin zu berichten. Und sie ergänzt: “Bei uns dürfen Kinder auch erst ab dem fünften Lebensjahr trainieren. Alles andere wäre aus meiner Sicht unverantwortlich, da im jüngeren Alter der Körper für diese Art von anspruchsvollem Sport noch nicht ausgelegt ist. Aber ich weiss, es gibt auch Studios wo schon dreijährige erste Erfahrungen sammeln, ich finde es zu früh.”
Versuch eines Resümee
Pole Dance hat sicherlich unbestritten eine mituter erotisch wirkende Note. Aber es ist eine anerkannte Spostart (geworden). Eine, die wenn auch in abgewandelten Formen, bis in die Frühzeit zurück reicht.
Es ist in der Verantwortung der Trainerinnen und Trainer mit der weiteren Etablierung in der Gesellschaft sorgsam umzugehen. Nicht zuletzt müssen auch Eltern die ihren Nachwuchs zum Training schicken, ganz genau hinsehen. Denn “schwarze Schafe” lauern überall.
Die vermittelten Eindrücke aus Szczecin zeigen jedoch ein tendenziell sauberes Image. Öffentlichkeitsauftritte und noch mehr Dialog denn je könnten zu einer noch größeren Akzeptanz führen. Oder am besten, so wie es Ola früher machte, es einfach mal auszuprobieren.
EUFORIA
Tkacka 2
Szczecin, 70-556501 448 050



