So viel Polen steckt in Frankreich (und umgekehrt)

Warschauer Platz in Paris Autor: BP

Vor zwei Jahren begleiteten uns unsere Freunde nach Polen. Wir bereisten gemeinsam Breslau, Krakau und Zakopane. Für sie war es die allererste Begegnung mit dem östlichen Nachbarn. Und es war ein Augenöffner. Jetzt waren wir dran. Anfang August kam die Zeit für unseren Augenöffner. Unsere Freunde zeigten sich erkenntlich und nahmen uns mit in den Westen – nach Frankreich. Polen fuhr trotzdem mit. Oder wartete schon vor Ort auf uns. So begann meine Erkenntnisreise.

Ein Abend in Épernay

Es ist ein warmer Abend in Épernay, mitten in der Champagne. Ich sitze in einem kleinen Restaurant, als der Inhaber ins Gespräch kommt. Ohne dass ich danach frage, erzählt er, er sei polnischer Abstammung. Seine Mutter, sagt er, sei in den 1960er Jahren aus Breslau nach Frankreich ausgewandert. Er selbst ist hier geboren, spricht daher leider kein Polnisch. Doch er ruft kurzerhand seine Mutter an, damit ich mit ihr auf Polnisch sprechen kann.

Diese Offenheit erscheint mir zunächst unwirklich. Aber das Gespräch verläuft flüssig. Ich stelle schnell fest: Die Dame konnte ihrem Sohn die Sprache nicht weitergeben, doch sie hat ihm beigebracht, seine Herkunft in Ehren zu halten.

Eine Erkenntnis, die mich rührt.

Der stolze Kellner

Kurz darauf, in einem anderen Lokal, in dem ich das erste Mal Froschschenkel probiere, begegnet uns ein Kellner. Bei der Bestellung fragt er unsere Gruppe, woher wir denn kommen. „Aus Deutschland“, antworten wir. „Cool, und ich bin aus Polen“, sagt er mit stolzer Miene.

Auch er ist bereits in Frankreich geboren und spricht kein Polnisch. Doch seine Identität ist für ihn klar. Mit seiner Haltung, die ich so bei Polen in Deutschland nie erlebt habe, zeigt er, dass Sprache verloren gehen kann – das Gefühl der Zugehörigkeit aber bleibt.

Eine Erkenntnis, die mich beeindruckt.

Polnische Spuren in Paris

Später in Paris merke ich, dass Polen nicht nur in den Menschen lebt, sondern auch in den Straßen, Plätzen und Gebäuden.

Radziwill-Straße in Paris
Autor: BP

Die Rue Radziwill überrascht mich. Benannt nach einem Fürsten der mächtigen Radziwiłł-Dynastie, die Jahrhunderte lang zum polnisch-litauischen Hochadel gehörte und enge Kontakte unter anderem nach Frankreich pflegte. Die Straße entstand im zentralgelegenen 1. Arrondissement auf ehemaligen Besitzungen der Familie.

Ich muss sofort an Elise aus demselben Geschlecht denken. Sie war die erste Liebe des späteren Kaisers Wilhelm I., doch die Verbindung galt nicht als standesgemäß und blieb unerfüllt. Die Familie Radziwiłł war gut genug für Paris – aber nicht gut genug für Berlin.

Eine Erkenntnis, die mich nachdenklich stimmt.

Warschau am Eiffelturm

Noch mehr staune ich über den Place de Varsovie, direkt am Fuße des Eiffelturms. Der Name der polnischen Hauptstadt, so prominent ins Herz der französischen Hauptstadt gesetzt.

Eine Erkenntnis, die mich umhaut.

Die Königin im Schloss

Maria Leszczyńska
Foto: BP

Im Schloss Versailles bleibe ich vor dem Porträt von Maria Leszczyńska stehen, Tochter des polnischen Königs und Herzogs von Lothringen Stanisław Leszczyński. Als Ehefrau Ludwigs XV. prägte sie das höfische Leben und schlug kulturelle Brücken.

Es heißt, sie habe Mozart nach Versailles geholt und seine Worte für die Anwesenden ins Französische übersetzt. Selbst meine kleine Tochter, die historische Porträts sonst kaum beachtet, schenkte diesem ein anerkennendes Lächeln.

Eine Erkenntnis, die hängen bleibt.

Heilige Zeichen

In Notre-Dame, neben dem Eiffelturm wohl DAS Wahrzeichen von Paris, entdecke ich eine Kapelle, die der Schwarzen Madonna von Tschenstochau geweiht ist. In der Kathedrale von Reims hingegen stoße ich auf ein Bild von Johannes Paul II. – das einzige Papstbild, das ich dort finde.

Kapelle der Schwarzen Madonna von Tschenstochau
Autor: BP

An diesem Punkt habe ich das Gefühl, dass Polen mich in Frankreich regelrecht verfolgt. Doch nach kurzem Überlegen formuliere ich es um: Polen verfolgt mich nicht, sondern begleitet.

Eine Erkenntnis, die beruhigt.

Vertraute Alltäglichkeiten

Doch nicht nur in Geschichte und Kultur, auch im Alltag begegne ich immer wieder Gemeinsamkeiten. Die Steckdosen mit dem kleinen Bolzen, die meine deutsche Frau regelmäßig zur Verzweiflung bringen. Kein Flaschenpfand, so wie bislang (aber nicht mehr lange) in Polen. Läden, die am Sonntag geöffnet haben, erinnern mich an Polen vor einigen Jahren. Die eleganten und zahlreichen Kirchenbesucher, selbst in einer kosmopolitischen Stadt wie Paris, könnten genauso gut in Krakau unterwegs sein. Und die Fahrbahnmarkierungen – diese Pfeile, die Kurven ankündigen – kenne ich ebenfalls nur aus Polen. Auf einmal fühlt sich Frankreich vertrauter an, als ich erwartet hatte.

Eine Erkenntnis, die Behaglichkeit schenkt.

Überwundene Ängste

Dabei war ich, ähnlich wie unsere Freunde vor zwei Jahren in Polen, mit Vorurteilen angereist. Beeinflusst von Untergangspropaganda, malte ich mir Bilder von Taschendieben, Gewalt und Gefahr aus.

Doch in Paris, in Épernay, in Reims und Verdun kam ich mir deshalb oft … dumm vor – weil ich solchen Bildern ungefiltert geglaubt hatte. Stattdessen begegneten mir Offenheit, Sicherheit und Wärme.

Eine Erkenntnis, die befreit.

Ein größeres Europa

So wie unsere Freunde vor zwei Jahren in Polen erkannten, dass ihr Europa größer war, als sie dachten, so erkannte ich in Frankreich, dass meines näher und vertrauter war, als ich je vermutet hätte.

Polen ist hier – in den Menschen, in den Straßen, in den Kirchen, ja sogar in den Steckdosen. Und Frankreich steckt längst auch in Polen. Wer das einmal sieht, sieht Europa mit anderen Augen: nicht als lebloses, bürokratisches Konstrukt, sondern als ein gemeinsames, lebendiges Zuhause, das tief in vielen Gemeinsamkeiten wurzelt.

Und das ist die wichtigste Erkenntnis, die ich Ihnen allen ans Herz legen möchte.